Psychiatrie in Bewegung (Raueiser, Stefan und Wolfgang Schreiber (Hrsg.))Grizeto Verlag, Irsee 2011, 155 S., 12,50 €, ISSN 1867-7118, ISBN 978-3-9812731-4-4Rezension von: Dr. Hubert Kolling |
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Psychische Erkrankungen gehen nicht nur Psychiater/innen und Patienten/-innen oder deren Angehörigen etwas an, sondern die gesamte Gesellschaft, weil sie weitreichende gesellschaftliche, volkswirtschaftliche und politische Auswirkungen haben. Deshalb bringt die für 2013 geplante Einführung eines pauschalierenden Entgeltsystems für psychiatrische und psychosomatische Leistungen die "Psychiatrie in Bewegung". Im Vorfeld des neu entwickelten Vergütungssystems und den hierdurch zu erwartenden Veränderungen beschäftigte sich der "Verband der bayerischen Bezirke" in zwei Veranstaltungen mit dem Thema. Während die Verbandsversammlung im Juli 2010 in Schweinfurt die "Psychiatrie in Bewegung" thematisierte, wagte der gesundheitspolitische Kongress des Bildungswerks der Bezirke im Februar 2011 in Kloster Irsee einen Blick auf "Das psychiatrische Versorgungssystem der Zukunft". Die dort gehaltenen Vorträge vereint der vorliegende Sammelband, für dessen Herausgabe sich Dr. Stefan Raueiser, Leiter des Bildungswerks des Verbandes der bayerischen Bezirke und des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee, und Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Ärztlicher Direktor des Bezirksklinikums Mainkofen und Chefarzt der dortigen Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, verantwortlich zeichnen.
Das Buch enthält nach einer "Einführung" (S. 7-8) seitens der Herausgeber - untergliedert in drei Kapitel - die folgenden acht Beiträge:
I. Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik- Manfred Wolfersdorf, Michael Purucker: Historische Tiefendimensionen eines Fachgebiets (S. 17-36)
- Heiner Melchinger: Jedem seine Psychotherapie? Gravierende Fehlentwicklungen in der ambulanten psychiatrischen / psychotherapeutischen Versorgung (S. 37-60)
II. Psychiatrische Versorgung in der Gegenwart
- Celia Wenk-Wolff: Daten und besondere Aspekte der ambulanten, teilstationären und stationären psychiatrischen Versorgung im Freistaat Bayern (S. 63-85)
- Thomas Becker: Macht das Ausland alles besser? Versorgungssysteme in Europa (S. 86-98)
- Eva Straub: Gewinner und Verlierer des gegenwärtigen Versorgungssystems aus der Perspektive von Angehörigen (S. 99-110)
III. Entgeltsystem und Versorgung in der Zukunft
- Melanie Huml: Das psychiatrischeVersorgungssystem der Zukunft (S. 113-118)
- Kurt Häupl: Das gestufte Versorgungssystem unter den Bedingungen des neuen Entgeltsystems (S. 119-130)
- Wolfgang Schreiber: Vorfahrt für Therapievielfalt: Welches Versorgungssystem wird mit dem neuen Entgeltsystem geschaffen? (S. 131-142).
Den Beiträgen vorangestellt ist der Aufsatz "Psychiatrie in Bewegung" (S. 9-13). Darin betont Bezirkstagspräsident Manfred Hölzlein grundsätzlich, dass die Psychiatrie in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft die Aufgabe zufällt, das Bewusstsein für die gesamtgesellschaftliche Dimension psychischer Erkrankungen zu schärfen und Stigmatisierungen von Betroffenen abzubauen.
Ergänzt wird die Darstellung durch den Aufsatz "Lebenslust - Über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheit" (S. 145-153). In ihm geißelt der Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses Köln, Dr. med. Dipl.-Theologe Manfred Lütz, die Fehlentwicklungen einer sich ausbreitenden "Spaß-Gesellschaft", die sich, um den Tod zu vermeiden, selbst das Leben nimmt.
Insgesamt betrachtet wagen die einzelnen Beiträge mit Blick auf Gewinner und Verlierer des gegenwärtigen Versorgungssystems Ausblicke auf das neue Vergütungssystem, das die psychiatrischen Versorgungsstrukturen der Zukunft ganz maßgeblich beeinflussen wird. Nach übereinstimmender Ansicht der Autoren/-innen gilt es dabei, den bevorstehenden gesundheitsökonomischen Systemwechsel aufmerksam zu beobachten und seine Auswirkungen gegenüber dem abzuwägen, was gegenwärtig gut funktioniert. Nur so könne man vorhersehbaren Fehlentwicklungen frühzeitig und konstruktiv begegnen.
Das Buch erscheint als Band 4 der Schriftenreihe "Impulse", mit der das Bildungswerk Irsee - seit 1981 das zentrale Fort- und Weiterbildungsinstitut des Verbandes der bayerischen Bezirke (vgl. www.bildungswerk-irsee.de) - wichtige Debatten der Bildungsarbeit des Verbandes dokumentieren, vor allem aber die Bedeutung der bayerischen Bezirke als Träger der überörtlichen Sozialhilfe, als Gesamtverantwortliche in der psychiatrisch-medizinischen Versorgung und im Bereich der regionalen Kulturförderung Bayerns darstellen möchte. Nach "Verantwortung für die Psychiatrie" (2008), "Zum Gedenken an die Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren" (2009) und "Psychiatrie in Bewegung. Das psychiatrische Versorgungssystem" (2011) liegt nunmehr ein weiteres Buch vor, mit dem die Bezirke in ihrer Eigenschaft als Gesamtverantwortliche für die psychiatrische Versorgung in Bayern einmal mehr und weit über die Grenzen des Freistaats hinaus ihre Bedeutung als gewichtige Akteure in der bundesdeutschen Psychiatrielandschaft zum Ausdruck bringen. Allen, die in der psychiatrischen Versorgung Verantwortung tragen, kann das Buch zur Lektüre wärmstens empfohlen werden.