Arbeit am Pflegewissen Sabina Roth )Chronos Verlag, Zürich, 2010, 229 S., geb., 31,00 €, ISBN 978-3-0340-1011-5 Rezension von:Dr. Hubert Kolling |
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Die Ausbildung in der professionellen Gesundheits- und Krankenpflege im deutschsprachigen Raum hat – bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel und vor allem die Akademisierung des Faches – im Verlauf des letzten Jahrhunderts, und hierbei wiederum in den letzten 25 Jahren, einen tief greifenden Wandel erfahren. Einen fundierten Überblick über die entsprechende Entwicklung in der Schweiz, genauer gesagt über die Bedeutung der an diesem Prozess maßgeblich beteiligten Krankenpflegeschule Zürich (KPZ), bietet das von Sabina Roth vorgelegte Buch „Arbeit am Pflegewissen“.
Im Jahre 1976 gegründet, verlieh die Krankenpflegeschule Zürich im Januar 2010 die letzten Diplome, bevor sie im Juni 2010 geschlossen wurde. Heute finden in der Schweiz Ausbildungen zur „Pflegefachfrau“ oder zum „Pflegefachmann“ auf der tertiären Bildungsstufe an Höheren Fachschulen oder an Fachhochschulen statt. Seit ihrem Bestehen hatte die KPZ an der weiteren Entwicklung der Berufskrankenpflege einen maßgeblichen Anteil. Mit ihrer auf Initiative der Direktorin der KPZ, Ruth Oehninger, entstandenen Publikation möchte die Autorin, wie sie einleitend schreibt, einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis eines nun abgeschlossenen Kapitels der Pflegegeschichte leisten, gleichzeitig aber auch zu weiteren Forschungen zur Geschichte des Pflegewissens und der Pflegekultur anregen.
Im Hinblick auf die Entwicklung der Berufsbildung im Pflegesektor hat sich Sabina Roth, die als freie Historikerin in Zürich mit dem Arbeitsschwerpunkt Gesundheits-, Medizin- und Pflegegeschichte arbeitet, an drei Etappen orientiert, die ihr zugleich als Gliederung des großformatigen Bandes dienen:
1. Zwei Schwesternschulen werden modern – die Entstehung der KPZ
2. Integrierte Krankenpflege – ein Experimentierprogramm der KPZ
3. Schulorganisation und Lebensweltorientierung der KPZ – generalistische Pflegediplomausbildung.
Ergänzt wird die durch eine Vielzahl von Schwarzweiß- und Farb-Abbildungen illustrierte Darstellung durch ein Abkürzungsverzeichnis, Bildnachweise, eine Bibliographie und Anmerkungen. Hier bleibt lediglich anzumerken, dass auch ein Personenverzeichnis nützlich und hilfreich wäre.
Mit ihrer gründlichen und zugleich spannend zu lesenden Darstellung der Geschichte der Krankenpflegeschule Zürich (1976-2010) zeigt Sabina Roth anschaulich, wie sich der Frauenberuf „Krankenschwester“ zum Beruf der „Pflegefachfrau“ und des „Pflegefachmanns“ wandelte. Die Gründung des Schulvereins durch die Stadt Zürich und die Stiftung Schweizerische Pflegerinnenschule, das Experimentierprogramm Integrierte Krankenpflege und die generalistische Ausbildung in Gesundheits- und Krankenpflege zeugen dabei vom Umbruch des Pflegewissens und der Pflegepädagogik im Professionalisierungsprozess. Lehrten die Schwesternschulen um 1970 vor allem praktische Fähigkeiten und medizinische Kenntnisse für die Grund- und Behandlungspflege, bieten heute Höhere Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten Studiengänge an, die auf der Pflege als Wissenschaft und Praxisdisziplin basieren.
Elisabeth Joris, freiberufliche Historikerin und Publizistin in Zürich, hat zu dem Buch ein Vorwort (S. 7-8) geschrieben, in dem sie zunächst knapp die Entwicklung der Frauenbildung seit dem 19. Jahrhundert skizziert und dann auf die Bedeutung der Frauenbewegung in jüngerer Zeit hinweist, die immer wieder wichtige Impulse für eigene Ansätze in der Ausbildung und der Entwicklung des neuen Berufsfeldes der professionellen Pflege gab. Wörtlich führt sie hierzu weiter aus: „Mit der von ihr erkämpften Verankerung der Gleichstellung in der Verfassung legte sie den Boden für die nun vollzogene Überführung der Ausbildung in Bundeskompetenz und somit in die Verantwortung von öffentlichen-rechtlichen Institutionen“ (S. 8). Überführt und aufgewertet worden sei damit zugleich das spezifische Pflegewissen, das Frauen, ausgehend vom eigenen Tun in der Verknüpfung von praktischen Erfahrungen und Aneignung theoretischer Erkenntnisse, entwickelt haben. So markiere die Schließung der Krankenpflegeschule Zürich „nicht ein Ende, sondern einen Neuanfang in verändertem Umfeld.“
Iris Ludwig, Erziehungswissenschaftlerin und Pflegeberaterin in Le Noirmont, hat zu dem Buch ein „pflegepädagogischen Nachwort“ (S. 187-204) verfasst. Unter der Überschrift „Bis zuletzt auf dem neuesten Stand des Lernens und Lehrens“ beleuchtet sie zunächst die Pluralität der Lernstile, Lernformen, Kompetenzen (Schlüsselqualifikationen), Transferwege und Lernorte („Praxis“ und „Schule“), bevor sie dann auf die veränderte Rolle der Lehrenden – von der „Klassenlehrerin zum Lerncoach“ sowie von der „Klinischen Schulschwester zur Berufsbildungsverantwortlichen“ – zu sprechen kommt. Darüber hinaus zeigt sie die Entwicklung „vom Selbststudium zum selbstgesteuerten Lernprozess“ sowie „vom Lernen nach Prinzipien und Fächern zum Problem-based und Blended-Lerning“ auf.
„Arbeit am Pflegewissen“ belegt eindrucksvoll, wie die Krankenpflegeschule Zürich zur Akademisierung und Tertiarisierung der Pflege in der Schweiz beitrug und wie die Arbeit am Pflegewissen konsequenterweise zur Auflösung der Diplompflegeschulen führte. Da Sabina Roth mit ihrer Geschichte der KPZ generell die Professionalisierung der Pflege in der Schweiz widerspiegelt, reicht die Bedeutung ihres Buches weit über die Institution und die Landesgrenze hinaus.