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Pflege und Ethik (Rezension)

Pflege und Ethik ()Rezension von: Paul-Werner Schreiner Die Professionalisierung der Pflegeberufe geht notwendig mit einer Emanzipation der Pflege von dem über 150 Jahre das beruflich pflegerische Handeln bestimmenden ärztlichen Handlungssystem einher. Handlungssysteme haben im
25. Mai 2013 durch
Pflege und Ethik  (Rezension)
Andreas Lauterbach

Pflege und Ethik ()

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Die Professionalisierung der Pflegeberufe geht notwendig mit einer Emanzipation der Pflege von dem über 150 Jahre das beruflich pflegerische Handeln bestimmenden ärztlichen Handlungssystem einher. Handlungssysteme haben immer irgendwo im Hintergrund eine normative Begründung. Für das ärztliche Handlungssystem war und ist dies die Medizinethik. Da Pflege als Teil des ärztlichen Handlungssystems verstanden wurde, war es nur folgerichtig, die ethischen Probleme pflegerischen Handelns durch die Medizinethik als ausreichend abgehandelt anzusehen. Mit dem Bemühen, Pflege als eigenständige Disziplin darzustellen, musste natürlich auch eine eigenständige Pflegeethik formuliert werden.

Nun werden unter Medizinethik, zu der es ein Pendant zu entwerfen gilt, höchst unterschiedliche und damit tunlichst zu differenzierende Sachverhalte zusammengefasst. Da eine angemessene Differenzierung auch in den einschlägigen Publikationen zur Medizinethik nicht immer in angemessener Weise durchgeführt wird, darf es nicht wundern, dass die Bemühungen um eine Pflegeethik ebenfalls sehr vielgestaltig sind und unterschiedliche Zugangswege aufweisen.

So liegen in dem Pflegebuch-Programm des Verlages W. Kohlhammer gleich zwei Bücher zu dem Thema vor, die hier vorgestellt werden sollen.

Großklaus-Seidel, M.
Ethik im Pflegealltag

Wie Pflegende ihr Handeln reflektieren und begründen können
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2002, 236 S., 22,00 €, ISBN 3-17-016075-3

Die Autorin ist Theologin und lehrt Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt.

Nach einer Einführung in Fragestellungen, in der die aktuellen Herausforderungen des Berufsalltags sowie die grundlegenden Dimensionen einer Ethik im Gesundheitswesen skizziert werden, werden in einem umfangreichen zweiten Kapitel Menschenbildkonzeptionen dargestellt, die im Laufe der Geschichte entworfen wurden und unsere Kultur bestimmen - und damit auch das Handeln der Pflegenden. Der Bogen ist von Platon über Darwin und Descartes bis zur Frage des Menschenbildes im Zeitalter der Bioethik gespannt. Immer wieder sind Fallgeschichten eingestreut, in denen deutlich gemacht wird, wo noch Anteile der nicht mehr aktuellen Menschenbilder in aktuellen Konfliktsituationen zum Vorschein kommen. Allein dieses lehrreiche Kapitel macht das Buch schon lesenswert.

Das dritte Kapitel ist überschrieben mit „Moralisches Handeln und ethische Reflexion“. Nach Ausführungen dazu, wo im Berufsalltag Moral eine Rolle spielt, wird herausgearbeitet, dass Mitarbeiter in Organisationen mit mehreren „Moralen“ konfrontiert sind – die Autorin spricht von „offiziellen“ und „informellen“ Normen. Im Weiteren wird Ethik als Reflexion moralischen Handelns dargestellt. Der Abschnitt über „Berufsethik“ verdient Kritik; mit „Nachdenken über das Handeln einer Berufsgruppe“ ist das, was unter Berufsethik, angelehnt an das was in anderen Berufsbereichen darunter verstanden wird, nur unzureichend definiert. Entsprechend zitiert die Autorin auch im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen eine Studie, bei der die Verfasser zu dem Schluss kommen, dass in Deutschland eine Berufsethik deshalb eine nur geringe Bedeutung hat, weil nur ein kleiner Teil der Berufsangehörigen die entsprechenden Kodizes kennt, und rezipiert nicht die schon seiner Zeit vorgetragene Kritik, dass die Unkenntnis in Sachen berufsethischer Kodizes bei den Berufsangehörigen vielleicht auch daran liegt, dass die gesellschaftliche Einbindung der Berufsgruppe Pflege in Deutschland eine in Kodizes gefasste Standesethik gar nicht erforderlich macht. Großen Raum nehmen in diesem dritten Kapitel Ausführungen über die Entscheidungsfindung in ethischen Konfliktsituationen ein, wobei auf ein für einen anderen Handlungsbereich entwickeltes Organisationsmodell Bezug genommen wird.

Das vierte Kapitel ist mit „Ethische Problemfelder im Pflegealltag“ überschrieben. Zunächst geht es hier um Autonomie des Patienten versus Fürsorgeprinzip der Pflege, wobei auch auf die Grenzen der Autonomie eingegangen wird. Weiteres Thema sind die Rechte und Pflichten in der interdisziplinären Zusammenarbeit; in diesem Zusammenhang geht die Autorin auch auf die ethische Begutachtung von Pflegeforschung ein. Ein Abschnitt ist der Verteilungsgerechtigkeit und den Konflikten gewidmet, denen die Pflegenden immer wieder ausgesetzt sind. Als viertes großes Konfliktfeld wird die Menschenwürde und die damit verbundene gesellschaftliche Diskussion um Lebensbeginn und Lebensende thematisiert, wobei auch kurz die Hirntodproblematik tangiert wird.

Im letzten Kapitel geht die Autorin – nicht allzu umfangreich – der Frage nach, wie Pflegende ihr Handeln reflektieren und begründen können. Es werden die Anforderungen an ethische Reflexion und Begründung im Pflegealltag beschrieben und aufgezeigt, wie die Fähigkeit dazu vermittelt werden kann.

Das Buch sei zur Lektüre empfohlen – sei es zur eigenen Orientierung, aber auch zur Vorbereitung von entsprechenden Unterrichtseinheiten.

Sperl, D.
Ethik in der Pflege
Verantwortetes Denken und Handeln in der Pflegepraxis
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2002, 194 S., 17,80 €, ISBN3-17-017314-6

Der Autor dieses Buches ist Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Diplom-Theologe; er war bei der Fertigstellung des Buches stellvertretender Pflegedirektor am Landeskrankenhaus Bregenz.

Dieter Sperl geht bei seinen Ausführungen von einer zutreffend erfassten Situation der beruflichen Pflege aus, die sich in Deutschland nicht wesentlich von der in Österreich unterscheidet. Er schreibt im Vorwort: „Seit Generationen befindet sich die Pflege an der Gelenkstelle zwischen Patient und Arzt, zwischen Versorgung und Heilung, zwischen humanitären und wirtschaftlichen Interessen. Diese Verbindungsstellen, die auch in der Vergangenheit häufig nur schwer miteinander in Einklang zu bringen waren, erweisen sich seit Jahren immer mehr als Belastungen, als potenzielle Bruchstellen. Die einzelnen Faktoren driften auseinander, die Pflege versucht mit immer mehr Aufwand, sie noch zusammenzuhalten, und gerät bei diesem Versuch selbst unter die Räder, wird buchstäblich zerrissen.“ Hinsichtlich der seit Langem herbestehenden normativen Erwartungen an die Pflegenden stellt Sperl angesichts dieser Situation weiter fest: „An einer Berufsethik, die ^zwangsläufig ins Ausbrennen, in den Burnout führt, kann etwas nicht stimmen. Sich für andere Menschen aufzuopfern und sich selbst dabei zu ruinieren, mag heroisch sein und auf ein Pflegeverständnis als Berufung zum edlen Dienen zurückgreifen, mag auch ein Selbstgefühl erzeugen, das anders nicht zu erreichen wäre. Dennoch bleibt es ethisch mehr als bedenklich. Völlig unakzeptabel wird dieser Opfergang dann, wenn es sich einmal mehr um Menschen dreht, sondern nur um Strukturen, die sich längst überlebt haben und die Pflegekräfte verschleißen müssen, um nicht unterzugehen. Pflegende finden sich dann in der Rolle von Machtstrukturen wieder, die nicht nur patientenfeindlich, sondern auch mitarbeiterfeindlich und in letzter Konsequenz lebensfeindlich sind.“ Und er folgert daraus: „Eine zeitgemäße Pflegeethik wird lernen müssen, sich zu distanzieren.“

Das Buch ist in drei, etwa gleichgewichtige Teile gegliedert:

  • Ethik. Die philosophische Frage nach dem richtigen Handeln
    Es werden zunächst die großen Probleme der philosophischen Ethik referiert (Gut und Böse, Freiheit und Notwendigkeit usw.). Im Weiteren werden zentrale Begriffe ethischer Debatten erläutert (Reflexion, Selbstsorge, Toleranz usw.)
  • Moral. Gesellschaftliche Dimensionen und Bedingungen
    Hier werden das Gesundheitswesen, Fragen der Wirtschaftlichkeit und Kosten thematisiert, aber auch auf das gesellschaftliche Bild der Pflege eingegangen. Ein Abschnitt, überschrieben mit „Die Nemesis der Medizin“, beschäftigt sich mit der strukturellen Medikalisierung immer weiterer gesellschaftlicher Bereiche. Vor diesem Hintergrund wird die gesellschaftliche Dimension des Pflegenotstandes diskutiert. Im Weiteren werden Bestandteile eines Psychogramms der helfenden Berufe entfaltet (Berufswahl und Berufsalltag, Geschlechterrolle, die Helfer[rolle], Burn-out, Gefühlsregulierung, Distanz und Status). Vor diesem wird die individuelle Dimension des Pflegenotstandes erörtert. Schließlich werden in diesem Buchteil Prinzipien einer Pflegemoral beleuchtet (Bewusstheit, Verantwortung, Bildung, Kritik, Engagement, Solidarität, Zivilcourage, Utopie, Selbstsorge und Privatheit).
  • Sittlichkeit. Folgerungen für Theorie und Praxis der Pflege
    Zunächst werden hier Implikationen für die pflegetheoretische Diskussion bedacht (Pflegeprozess, Ganzheitlichkeit, Patientenorientierung, Professionalisierung, Qualitätssicherung). Im Weiteren werden unter der Überschrift „Bewährungen“ Folgerungen für das Verhältnis der Pflegeperson zu dem Klienten, zu Arzt und Institution, zu sich selbst und zu den Kollegen sowie Gesellschaft und Umwelt bedacht. Im Anschluss daran wird erläutert, was unter Wertkonflikten zu verstehen ist, was ein ethischer Diskurs ist und wie ein ethischer Klärungsprozess aussehen kann. Abschließend wird über Konsequenzen nachgedacht – was ist zu tun, wenn alle Bemühungen zu keinem Ergebnis geführt haben. Der Autor greift auf Nietzsche zurück – „Wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – vorübergehen!“ Auch unter dem Gesichtspunkt der Selbstsorge könne eine Versetzung notwendig sein. In dem letzten Kapitel werden Grenzen ausgeleuchtet – Welche Tugenden sind als relevant anzusehen? Noch einmal die Frage, ob es legitim ist, für die Sorge um die Schwächsten von den Pflegenden Opfer zu verlangen. Schließlich das Verhältnis von Ethik und Religion sowie das von Ethik und Ästhetik.
Der Autor verdient für den Mut, konsequent das Ansinnen, von Pflegenden Leistungen abzuverlangen, die ihre Kraft übersteigen, zurückzuweisen, Respekt. Die Lektüre ist lohnend – auch wenn sich der im Lesen von Texten zu Themen der Ethik geübte Leser an eine, gemessen an der weit eingeführten Terminologie, etwas ungewohnte Begrifflichkeit gewöhnen muss.

An die Adresse des Verlages sei die Anmerkung gestattet, dass die gewählte Kombination von Schrifttype und -größe für ein älter werdendes Auge nicht sehr lesefreundlich ist; die Wahl des Layouts ist letztlich nicht so recht verständlich, da auf den Seiten ausreichend Platz ist.

Aggression in der Pflege<BR>Umgangsstrategien für Pflegebedürftige und Pflegepersonal (Rezension)
Aggression in der PflegeUmgangsstrategien für Pflegebedürftige und Pflegepersonal (Kienzle, Theo und Barbara Paul-Ettlinger)Kohlhammer, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart, 2006, 3., aktual. Aufl., 140 S., 11,80 €, ISBN 978-3-17-020043-2Rezension von: Sven Lind Ein Jurist und