Menschenwürde und pflegerische Verantwortung (Lanius, Frauke)V&R unipress, Göttingen 2010, 370 Seiten, 49,90 €, ISBN 978-3-89971-634-4Rezension von: Anke Erdmann (Krankenschwester, Dipl.-Soz.-Wiss., Doktorandin der Pflegewissenschaft, Wissenschaftliche |
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Der Titel des von Frauke Lanius vorgelegten Werkes wirft bei den meisten Leser(inne)n sicherlich zunächst einige Fragen auf, die die Autorin aber schon in der Einleitung umfassend beantwortet. Die "Arbeit geht der Frage nach, welchen Beitrag wir als beruflich Pflegende dazu leisten können, die Würde und Personalität der uns anvertrauten pflegebedürftigen Menschen aufrecht zu erhalten und zu schützen" (19). Dabei wird zunächst der Begriff der Person problematisiert: Die Personalität von z. B. kognitiv beeinträchtigten Pflegebedürftigen wird in Frage gestellt, da mit dem Begriff der Person nicht nur schutzwürdige Rechte, sondern auch reziproke moralische Pflichten verbunden sind, die ein kognitiv beeinträchtigter Pflegebedürftiger nicht erfüllen kann. Diese sicherlich umstrittene Position bezeichnet die Autorin als blinden Fleck der Philosophie, und um diesen zu beleuchten, führt sie die Unterscheidung der Begriffe moralischer Standpunkt und moralischer Status ein. Als moralischen Standpunkt bezeichnet die Autorin eine "personale Position mit Rechten und Pflichten sich selbst und anderen gegenüber" (26). Der moralische Standpunkt verpflichtet die Pflegenden, die menschliche Würde der ihnen anvertrauten Patient(inn)en im Sinne von Verantwortung und Fürsorge zu bewahren. Als moralischer Status wird dagegen "die nicht-personale Situation moralischer Schutzwürdigkeit mit Rechten, aber ohne Pflichten anderen gegenüber" (26) definiert. Dieser Status wird z. B. kognitiv beeinträchtigten Pflegebedürftigen zugesprochen und zeichnet sich "durch ein besonderes ethisches Eigengewicht aus" (26), womit der Binnenperspektive des Pflegebedürftigen eine besondere Bedeutung eingeräumt wird. Um die tiefgreifende Differenz zwischen der moralischen Position der Pflegenden und der der Pflegebedürftigen zu überbrücken, entfaltet Lanius den zentralen Begriff der menschlichen Würde, die sowohl den Pflegebedürftigen als auch den Pflegenden gleichermaßen zugesprochen wird. Die Gemeinsamkeit der menschlichen Würde hat das Potential die grundsätzlich asymmetrische Intersubjektivität beruflicher Zuwendungsbeziehungen zu symmetrisieren. Im Begriff der Würde verschmilzt die personale Würde der pflegerischen Verantwortung mit der menschlichen Würde der Bedürftigkeit und macht "die Explikation einer pflegerischen Begegnungseinstellung auf Augenhöhe mit dem Patienten" möglich, die durch eine symmetrische Intersubjektivität, durch "pflegerische Achtung, Anerkennung und Fürsorge getragen wird" (28).
Um diese Art der pflegerischen Begegnungseinstellung und des Begegnungshandelns abzuleiten, führt uns die Autorin in Kapitel 2 zunächst durch einige erkenntnistheoretische, anthropologische und moraltheoretische Vorüberlegungen. Von besonderer Bedeutung sind hier sicherlich die persontheoretischen Ausführungen, in denen Lanius die Frage aufwirft, ob der Personstatus auch schwer geistig behinderten Menschen zugeschrieben werden kann. Hier wird der Grundstein für einen integrativen Personenbegriff gelegt, der sowohl Aspekte des analytischen Personenbegriffs wie Selbstbewusstsein, autonome Vernunft sowie Willens- und Handlungsfreiheit enthält, als auch Aspekte des hermeneutisch-phänomenologischen Personenbegriffes wie Leiblichkeit und Intersubjektivität in sich vereinigt. Mit diesem integrativen Personenbegriff schafft Lanius einen konzeptionellen Rahmen, um den "für beruflich asymmetrische Zuwendungsbeziehungen angemessene[n] moralische[n] Standpunkt" (146) der Person begrifflich zu fassen. Dieser Standpunkt umfasst "die moralischen Kategorien der Achtung und Anerkennung als zentrale Einstellung sich selbst bzw. als Begegnungshaltung dem Anderen gegenüber sowie die Verantwortung und Fürsorge als zentrale Handlungsimplikationen gegenüber dem bedürftigen Menschen" (155).
In Kapitel 3 werden vier verschiedene Theorien zum Aufbau eines moralischen Standpunktes dargestellt, bewertet und synthetisiert. Im Rückgriff auf die Werke der Philosophen Waldenfels und Böhme entwickelt die Autorin zunächst das Ethos leiblicher Antwortlichkeit, welches "die Phänomenologie einer unverfügbaren leiblichen und intersubjektiv vermittelten Anspruchserfahrung" (303) in den Vordergrund stellt. Moralität wird hier als Antwort auf Ansprüche der zu Pflegenden verstanden, die uns nicht nur, aber auch leiblich vermittelt werden und die in uns eine Betroffenheit auslösen, welche uns zu antwortendem, moralischen Handeln veranlasst. Im Ethos impliziter Wertbindung arbeitet die Autorin mit Taylor und Joas heraus, dass moralisches Handeln immer bewusstes wertorientiertes Handeln ist. Weiterhin wird mit den Arbeiten von Frankfurt und Bieri das Ethos expliziten Wollens entwickelt. Der moralische Standpunkt wird als "willentlich und reflexiv konstituiert" beschrieben, "der neben individueller Wertorientierung auch universelle Nomengeltung beinhalte[t]" (304). Frankfurt und Bieri gehen hierbei von einer "reflexive[n] Rationalität" als Grundlage eines moralischen Standpunktes aus" (309). Schließlich führt Lanius mit dem Werk von Ricoeur an, "dass es für die professionell sorgende Zuwendung sowohl eines motivationalen Moments persönlicher Betroffenheit wie auch einer reflexiven Einsicht in die Notwendigkeit der Sorge bedarf" (305). Mit dem von Ricoeur entwickelten Ethos praktischer Weisheit werden sowohl teleologische als auch deontologische Überlegungen als Grundlage moralischer Entscheidungen integrativ vermittelt.
Von diesen Ausführungen leitet die Autorin schließlich eine Ethik des pflegerischen Begegnungshandeln ab, die alle der oben genannten Aspekte in sich vereinigt: Diese Ethik beinhaltet zuallererst die Bereitschaft der Pflegenden, sich durch die Not der Bedürftigen berühren zu lassen, was die Autorin auch als Nahbarkeit bezeichnet. Die solidarische Betroffenheit und Nahbarkeit beruht auf der Tatsache, dass sowohl Pflegende als auch Patient(inn)en die existentielle Grundsituation der Verletzlichkeit und Sterblichkeit teilen. Nahbarkeit soll aber als bewusst intendierte Handlung erfolgen und in eine Perspektivenübernahme des Anderen münden, gleichwohl aber eine professionelle Distanz ermöglichen. Das zweite Element der von Lanius explizierten Ethik ist die Achtung und Anerkennung des Anderen, die aber die eigene Selbstwertschätzung notwendig voraussetzt. Nur wer sich selbst würdigt, kann eine die Würde der Patient(inn)en schützende Begegnungseinstellung entwickeln. Das dritte Element der Ethik ist die responsive Verantwortung der Pflegenden für die Würde der ihnen anvertrauten Bedürftigen. Mit dem Konzept integrativer Verantwortung schließt Lanius ihre Ausführungen ab und vereinigt die Dimensionen: die leibliche Antwort, die wertorientierte Antwort und die analytische Antwort. Die leibliche Antwort schließt sich an die moralische Betroffenheit und Nahbarkeit an und manifestiert sich durch die sinnliche Wahrnehmung im Resonanzraum des Leibes. Die wertorientierte Antwort orientiert sich an den Werten der Gerechtigkeit, Fürsorge und Solidarität. Bei der analytischen Antwort gehen wir zu den oben genannten Werten auf Distanz, um sie mit dem kategorischen Imperativ einer Universalitätsprüfung zu unterziehen. Die analytische Antwort führt so schließlich zu einem moralischen Standpunkt, "der sich in seinen Einstellungen und Handlungen mit dem kategorischen Imperativ als universalisierungsfähig erweist" (339).
Das Werk weist insgesamt eine hohe inhaltliche Komplexität auf, die zuweilen nicht ganz einfach zu erschließen ist. Der für die Pflegewissenschaft augenscheinlich verwendbare "Ertrag" beschränkt sich auf die letzten 30 Seiten, in denen Lanius ihre Pflegeethik ableitet und den Nutzen für die Pflegewissenschaft aufzeigt. Gleichwohl ist das gesamte Buch für den Nachvollzug der Argumentation und für eine wissenschaftliche Fundierung der Pflegeethik lesenswert. Die Autorin liefert uns nicht nur das begriffliche Rüstzeug, um die pflegerische Beziehung und das pflegerische Tun zu beschreiben (asymmetrische Zuwendungsbeziehung, pflegerisches Begegnungshandeln), sondern wirft auch durch die philosophische Problematisierung des Personbegriffes neue Fragen auf. Können wir z. B. bei Menschen, die keine moralischen Pflichten gegenüber anderen erfüllen können, von Personen sprechen? Lanius macht uns mit ihrem Werk auf der anderen Seite unmissverständlich klar, dass wir uns mit den zu Pflegenden auf Augenhöhe befinden, dass wir ebenso verletzbar und sterblich sind und uns als Menschen die menschliche Würde verbindet. Sie macht deutlich, dass wir auf professionelle Weise betroffen sein dürfen angesichts des Leidens, welches wir erleben und dass wir daraus unsere Stärke als professionelle und empathische Helfer entwickeln können, die mit den Werten der Achtung, Anerkennung, Fürsorge und Gerechtigkeit den zu Pflegenden begegnen und in kritischer Distanz zu unseren Wertbindungen sowie unter Berücksichtigung des Universalisierungsprinzipes bewusste ethische Entscheidungen treffen. Wissenschaftler(inne)n, die sich mit pflegerischen Beziehungen und Pflegeethik beschäftigen, ist dieses Buch daher uneingeschränkt zu empfehlen.