Honold, Matthias: Der unbekannte Riese
Haus der Bayerischen Geschichte Augsburg. Augsburg, 2004, 64 Seiten, kartoniert, 3,75 ⬠- ISBN 3-927233-95-1
Rezension von: Dr. Hubert Kolling
Die Wurzeln der Diakonie, die sich aus der Initiative einzelner Persönlichkeiten entwickelte, reichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als die industrielle Revolution in breiten Schichten der Bevölkerung zu Verarmung und katastrophalen sozialen Lebensbedingungen führte. Johann Hinrich Wichern, Theodor Fliedner, Friedrich Bodelschwingh und â für Bayern â Wilhelm Löhe sind die Namen, die man bis heute damit verbindet. Die ersten Einrichtungen diakonischen Handelns waren âRettungshäuserâ für verwahrloste und unbetreute Kinder und Jugendliche. Hinzu kamen bald Einrichtungen auf dem Gebiet der Kranken-, Behinderten- und Altenpflege. Noch immer finden in den vielen Aufgabengebieten der Diakonie, die aus unserer sozialen Landschaft nicht mehr wegzudenken ist, Hilfe suchende und Not leidende Menschen Unterstützung, sei es im Krankenhaus, in den Zentralen Diakoniestationen, in Kindergärten und Schulen, in der Aus- und Fortbildung sowie in den unterschiedlichsten Beratungseinrichtungen.
In Bayern ist die Geschichte der Diakonie untrennbar mit dem Namen Wilhelm Löhe verbunden, der am 9. Mai 1854 den ersten Diakonissenausbildungskurs in Neuendettelsau eröffnete. In nur wenigen Jahren entwickelte sich dort eine florierende Diakonissenanstalt, deren Wirkungskreis schon bald die Ortsgrenzen von Neuendettelsau überschritt und in ganz Deutschland bekannt wurde.
Im Jahre 2004 organisierte das Haus der Bayerischen Geschichte (Augsburg) und die Diakonie Neuendettelsau in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Bayern die Wanderausstellung âDer unbekannte Riese. Die Geschichte der Diakonie in Bayernâ, mit der sie die Entwicklungen und Veränderungen im Verlauf von 150 Jahren aufzeigen und die Geschichte und Gegenwart der Diakonie vorstellen möchten. Die Ausstellung und der gleichnamige Begleitband verstehen sich zugleich als Anerkennung der Arbeit, die von Diakonie und Innerer Mission seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geleistet worden ist und â auch bei immer knapper werdenden finanziellen Ressourcen â heute noch geleistet wird. So haben sich in diesen weit über 150 Jahren die einzelnen diakonischen Träger zu einem der gröÃten Arbeitgeber in Bayern entwickelt. Alleine hier sind heute über 40.000 Menschen hauptamtlich oder nebenamtlich in âWerken der Liebestätigkeitâ, so ein historischer Begriff für die Diakonie, tätig. Hinzu kommen noch etwa einmal so viele ehrenamtlich Engagierte.
âDas Ziel dieser Ausstellung ist esâ, schreibt Hermann Schoenauer, Rektor der Diakonie Neuendettelsau, in seinem GruÃwort, âdiese Arbeit in ihrer GröÃe und Vielgestaltigkeit zu zeigen und dabei auf die geschichtlichen Wurzeln der diakonischen Arbeit in Bayern einzugehen. Dabei stellt man sich auch der Schuld der Vergangenheit. So wird das Versagen von Diakonie in der Zeit des Nationalsozialismus im Zusammenhang mit der Ermordung von kranken und Behinderten, den so genannten ´Euthanasie´- MaÃnahmen, dargestelltâ (S. 5).
Diesem Anspruch wird die Ausstellung beziehungsweise der reichlich mit zeitgenössischen SchwarzweiÃ- und Farbabbildungen illustrierte Begleitband (Format DINA-A-4) voll gerecht. Wer eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema allgemein oder einzelnen Aspekten anstrebt, kann auf die angegebenen Literaturhinweise zurückgreifen.
Diakonie war â und ist es in Teilen bis heute â vorrangig weiblich. So prägte die evangelische Gemeindeschwester bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Bild der Diakonie. Wie die am Ende der Veröffentlichung gestellte âDiakonische Portraitgalerieâ (S. 52-64) jedoch zeigt, sind es heute meist nicht an eine Schwestern- oder Brüdergemeinschaft gebundene Menschen â und zunehmend auch Männer â, die ihren Beruf den verschiedensten Aufgaben in der Diakonie widmen. Zugleich geben diese Bilder einen Eindruck davon, wie vielschichtig und vielfältig die Arbeitsgebiete der Diakonie geworden sind.