Demenz und Pflege |
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Ein Gespenst geht um in den hochentwickelten Industriestaaten: die Demenz. Leise und unauffällig schleicht sich der Verlust geistiger Fähigkeiten in die Gesellschaft und in Richtung der Top-Plätze der Diagnose-Hitlisten. Und alle sehen unbeteiligt und uninteressiert zu. Alle? Nein. Nicht ganz. Ein kleines versprengtes Häuflein von Wissenschaftlern verschiedenster Fachrichtungen einerseits und Praktikern aus Pflege, Altenpflege und Medizin kümmern sich um praktische und theoretische Aspekte, verhaltenstherapeutische und pharmakologische Möglichkeiten, um den Betroffenen, aber auch ihrer Umwelt zu helfen. Dabei ist die Entwicklung eigentlich bekannt und unübersehbar. Mitte der 90er Jahre konnten bereits mehrere wissenschaftliche Studien von hoher Qualität zeigen, daà in den westlichen Industriestaaten die Demenzwahrscheinlichkeit und -häufigkeit direkt altersabhängig ist. Wer lange genug lebt, wird ziemlich sicher dement werden. Während unter den 60jährigen gut ein halbes Prozent der Menschen unter einer im Leben relevanten Demenz leidet, verdoppelt sich die Rate alle fünf Jahre; jeder dritte 90jährige ist an einer Demenz erkrankt.
Nun mag der geneigte Leser, die interessierte Leserin einwenden, die Demenz gehöre doch nun einmal in die Gerontopsychiatrie und genug Bücher darüber gebe es doch auch schon. Genau das ist der FehlschluÃ, gegen den die Herausgeber des Buches angehen wollen. Dementielle Patienten sind längst nicht mehr die Exotengruppe der Alterspsychiatrie, sondern erkranken an "Herz und Diabetes", brechen sich Oberschenkelhälse und osteoporotische Wirbelkörper oder nehmen Fremdkörper in ungeeignete oder neu entstehende Körperöffnungen auf - kurzum, die Dementen erobern nicht nur das Altenheim, sondern auch die Innere Medizin, die Chirurgie oder die Urologie eines Krankenhauses. Und dort stoÃen sie nicht selten auf völliges Unverständnis. Während die Demenzkranken mit ihrer neuen und verwirrenden Umwelt nichts anfangen können, können Pflegende und Ãrzte ebenso wenig mit dem Patienten anfangen. Abschieben, Verzeihung: Verlegen, in eine gerontopsychiatrische linik/Abteilung, Geriatrie oder zurück ins Heim geht frühestens nach der Wundheilung oder Blutdruckeinstellung und bis dahin muà man sich, meist eher schlecht als recht, arrangieren.
Diesem unbefriedigenden und häufig auch ungeeigneten Durchmogeln setzen die Herausgeber ein "Ja zum Leben mit Demenz in geteilter Verantwortung" entgegen. Ihrer Ansicht nach fordert das Feld der Demenz kreative Antworten, sowohl allgemein und abstrakt als auch im konkreten täglichen Berufsleben. Daher haben sie wichtige Vorträge zweier groÃer Fachtagungen gesammelt und in überarbeiteter Form vorgelegt. Dem Leser wird dabei bewuÃt eine sehr breite Mischung von Erfahrungen, Theorien, Arbeitsansätzen und -ergebnissen angeboten. Die Zugangswege reichen von den Erfahrungen betroffener Angehöriger über die medizinischen Theorien bis zu ethischen Fragen, von philosophischen Einblicken bis zu den Anforderungen an eine Pflege dementer Patienten.
Neben dem betroffenen Patienten und seinen Angehörigen wird auch der Therapeut thematisiert. "Demente berühren unsere Kreatürlichkeit, was schamauslösend ist, und sie berühren das Kind in uns, was beängstigend ist." Dabei darf der Therapeut durchaus auch vierbeinig sein. Gleich mehrere Kapitel beschäftigen sich mit der Möglichkeit tierischer Co-Therapeuten - eine Option, die für das Krankenhaus aus Hygienegründen allerdings kaum realisierbar sein dürfte. Ãberhaupt stellt gerade die Umsetzung der angebotenen Ideen und Optionen ein groÃes Problem dar. Das ist den Herausgebern auch bewuÃt, und so haben sie den dritten Teil des Buches den konzeptionellen Umsetzungen gewidmet. Es gibt zwar keine Kochrezepte, aber viele bedenkenswerte Hinweise, wie eine Küche aussehen könnte und welche Zutaten zu einem ganz akzeptablen Essen geführt haben.
Die eigentliche Arbeit des Lesers beginnt freilich erst nach der Lektüre des Bandes, die weg vom Text zur konkreten eigenen Handlung manchmal weit sein mag. Andererseits nimmt die Zahl der dementen Patienten im Krankenhaus stetig zu. Spätestens mittelfristig wird es in jedem Krankenhaus eine fach- und berufsübergreifende Gruppe geben (müssen), die sich mit dem dementen Patienten im "normalen" Tagesablauf beschäftigt und konkrete Empfehlungen für die Stationen entwickelt. Für die Gründung und die Arbeit einer solchen Gruppe kann das Buch wichtige Impulse liefern. "Die Demenz schlieÃt Türen und Fenster - im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen. Eigentlich ist es aber nicht die Demenz, die die Türen schlieÃt, sondern es sind unsere hilflosen Reaktionen auf die Anforderungen der Situation." Die häufig reduzierten Kompetenzen der dementen Patienten stellen kritische Fragen an unsere eigenen Kompetenzen. Haben wir ausreichend gute Antworten auf diese Fragen? Dieses Buch will zumindest Hilfestellung leisten, Antworten zu entwickeln.