
Bopp-Kistler, Irene (Hrsg.)
demenz.
Fakten Geschichten Perspektiven
Rüffer & Rub Sachbuchverlag, Zürich 2016, 654 S., 44,00 â¬, ISBN 978-3-907625-90-3, EUR
Fakten Geschichten Perspektiven
Rüffer & Rub Sachbuchverlag, Zürich 2016, 654 S., 44,00 â¬, ISBN 978-3-907625-90-3, EUR
Das Buch zum Thema âDemenzâ ist das Gemeinschaftswerk von 63 Autoren, die insgesamt 68 Beiträge über die verschiedensten Aspekte dieses Krankheitssyndrom erstellten. Bei der Herausgeberin handelt es sich um eine Internistin, Geriaterin; sie ist leitende Ãrztin der Memory-Klinik der Universitären Klinik für Akutgeriatrie am Stadtspital Waid in Zürich. Bei den anderen Autoren handelt es sich u. a. um Mediziner, Psychologen, Pflegende und auch pflegende Angehörige überwiegend aus der Schweiz.
Das Werk ist in 10 Kapiteln gegliedert. Es ist mit vielen farbigen Abbildungen und Grafiken versehen und enthält ein Glossar/Sachregister nebst Literaturhinweisen.
Kapitel 1 âDemenz â eine Krankheit mit vielen Facettenâ
Kapitel 2 âBotschaften aus dem Land des Vergessensâ
Kapitel 3 âVon Grenzerfahrungen im Alterâ
Kapitel 4 âTherapien: kaum Medikamente â viele andere Möglichkeitenâ
Kapitel 5 âVom Loslassenâ
Kapitel 6 âDemenz aus der Sicht der Gesellschaftâ
Kapitel 7 âGesundheitspolitik: Forderungen und Herausforderungenâ
Kapitel 8 âForschung: Hoffnung auf dem Durchbruchâ
Kapitel 9 âDem Ende entgegenâ
Kapitel 10 âDie spirituelle Dimensionâ.
Kapitel 1 âDemenz â eine Krankheit mit vielen Facettenâ
Kapitel 2 âBotschaften aus dem Land des Vergessensâ
Kapitel 3 âVon Grenzerfahrungen im Alterâ
Kapitel 4 âTherapien: kaum Medikamente â viele andere Möglichkeitenâ
Kapitel 5 âVom Loslassenâ
Kapitel 6 âDemenz aus der Sicht der Gesellschaftâ
Kapitel 7 âGesundheitspolitik: Forderungen und Herausforderungenâ
Kapitel 8 âForschung: Hoffnung auf dem Durchbruchâ
Kapitel 9 âDem Ende entgegenâ
Kapitel 10 âDie spirituelle Dimensionâ.
Im ersten Kapitel wird angesichts der Tatsache, dass es keine Therapien für Demenzkranke gibt, die Bedeutung der Diagnose hinsichtlich des Ausschlusses von Sekundärdemenzen hervorgehoben. Wenn z. B. Stoffwechselstörungen, Vitaminmangelzustände und Entzündungen als Ursache für geistige Minderleistungen eruiert werden, dann besteht bei angemessener Behandlung Aussicht auf Wiederherstellung der geistigen Leistungsfähigkeit. Hierbei werden u. a. auch ein Hydrocephalus und eine Borrioloseentzündung aufgrund von Zeckenbissen angeführt.
Von Bedeutung aus diagnostischer Sicht ist auch die Beobachtung, dass erste Einschränkungen des geistigen Vermögens von den Betroffenen fast schmerzhaft wahrgenommen werden, wenn sie z. B. ihr Handy oder auch den Computer nicht mehr richtig anwenden können (S. 58).
Die Klassifizierung der Demenzen nach den beeinträchtigten neuronalen Netzwerken ist für Diagnose und Behandlungen von Relevanz: folgende differenzierung werden vorgenommen:
⢠âDemenzen der visuell-räumlichen Netzwerkeâ, hier treten visuelle Beschwerden als Erstsymptome auf.
⢠âDemenzen des Sprachennetzwerkesâ (primär progressive Aphasie), die als relativ seltene âsemantischen Demenzenâ diagnostiziert werden.
⢠âDemenzen des Netzwerkes der Verhaltenssteuerung, der sozialen Kognition und des logischen Denkensâ werden meist als âFrontallappendemenzenâ diagnostiziert, die häufig schon in der Altersgruppe 50 â 65 Jahre (als präsenile Demenzen) auftreten.
⢠Die mit Abstand häufigste Form der Demenz ist die âDemenz des Gedächtnisnetzwerkesâ, der Alzheimerdemenz (S. 72 f).
⢠âDemenzen der visuell-räumlichen Netzwerkeâ, hier treten visuelle Beschwerden als Erstsymptome auf.
⢠âDemenzen des Sprachennetzwerkesâ (primär progressive Aphasie), die als relativ seltene âsemantischen Demenzenâ diagnostiziert werden.
⢠âDemenzen des Netzwerkes der Verhaltenssteuerung, der sozialen Kognition und des logischen Denkensâ werden meist als âFrontallappendemenzenâ diagnostiziert, die häufig schon in der Altersgruppe 50 â 65 Jahre (als präsenile Demenzen) auftreten.
⢠Die mit Abstand häufigste Form der Demenz ist die âDemenz des Gedächtnisnetzwerkesâ, der Alzheimerdemenz (S. 72 f).
Es wird diskutiert, öb Demenzen sowohl als psychiatrische als auch als neurologische Erkrankungen klassifiziert werden sollen. Aus der Sicht der Herausgeberin handelt es sich âbei der Demenz um eine Erkrankung des Nervensystems, die auch zum psychischen Leid führt.â (S. 91). Kritisch anzuführen gilt aber hier, dass bei Demenzen fast alle psychiatrischen Symptome wie Wahn, Halluzinationen, Desorientierungsphänomen einschlieÃlich der Anosognosie (fehlende Krankheitseinsicht) anzutreffen sind, so dass auch die psychiatrische Dimension hier ihre Berechtigung findet.
Für die Pflege und Betreuung Demenzkranker im stationären und auch häuslichen Bereich wird ein wichtiges Krankheitssymptom angeführt, das jedoch vom Autor (Christoph Held) nicht erkannt wird: der Verlust des Schmerz- und Temperaturempfindens (Analgesie). Im Buch wird beschrieben, wie ein Demenzkranker seinen heiÃen Kaffee ohne Empfindungen des Schmerzes trinkt (S. 111). Diese Symptomatik wird in den Heimen oft beobachtet, wenn z. B. Demenzkranke tagelang mit Bein- oder Handknochenbrüchen keine Schmerzen äuÃern oder wenn derart heià geduscht wird, dass die Haut regelrecht verletzt wird. Auch wurde festgestellt, dass Demenzkranke, die im dünnen Nachthemd im Winter bei entsprechender Kälte das Heim bzw. die Häuslichkeit verlassen, keine Kälte spüren. Erstaunlicherweise werden diese Krankheitssymptome bisher noch nicht im Rahmen der Aus- und Weiterbildung im Bereich Alten- und Demenzpflege angemessen vermittelt.
Es liegt ein sehr umfangreiches Buch vor, von insgesamt 63 Autoren verfasst, die u. a. aus den Bereichen Klinik, Forschung, Pflege, Rechtswesen, Versorgungsstrukturen und auch der Pflege und Betreuung stammen. Die Autoren sind teils beruflich, teils als Angehörige mit Demenzkranken beschäftigt. Entsprechend sind dann auch die Perspektiven auf diese Erkrankung und die Erkrankten unterschiedlich; sie reichen von wissenschaftlicher Objektivität bis hin zum emotionalen Engagement. Dies wird in den Beiträgen sehr deutlich.
Zu den fachlichen Beiträgen aus der Klinik und der Forschung sind keine Beanstandungen zu machen, hier wird der Stand des Wissens angemessen vermittelt. Dem Rezensenten fällt nur auf, dass zwei Autoren, Irene Bopp-Kistler und Christoph Held, Schwierigkeiten mit dem Verlauf der neurodegenerativen Demenzen u. a. vom Alzheimer Typ zu haben scheinen, da sie den Abbauprozess als Rückwärtsentwicklung gemäà der Hirnreifung (Retrogenese: u. a. Reisberg-Skalen und Braak-Stadien) nicht angemessen berücksichtigen. Die krankhafte Verkindlichung im fortgeschrittenen Stadium (Stadium 6 Reisberg-Skala) drückt sich u. a. im Kleinkindverhalten der Altersstufe 2 bis 4 Jahre aus. In diesem Kontext haben sich kindgemäÃe Umgangsformen bei der Pflege und Betreuung, die intuitiv praktiziert werden, bewährt. Auch die Verwendung von Puppen und Kuscheltieren als Beschäftigungsangebote zeigen positive Wirkung bei den Betroffenen.
Kritisch gilt es anzuführen, dass neben der Darstellung des aktuellen Forschungsstandes auch Konzepte und Modelle angeführt werden, die weder in der Pflege und Betreuung Demenzkranker Wirksamkeitsnachweise erbringen konnten noch sich mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbaren lassen. Beispiele hierfür sind der Ansatz von Tom Kitwood (S. 105), das Modell der âValidationâ (S. 302) und das Konzept eines so genannten âLeibgedächtnissesâ (S. 252).
Sieht man von diesen Punkten einmal ab, so kann das Fazit gezogen werden, dass hier ein Lese- und zugleich auch ein Hausbuch zum Themenschwerpunkt Demenz vorliegt, das sowohl beruflich Engagierte als auch pflegenden Angehörige interessieren könnte.
Eine Rezension von Sven Lind